Wie alles begann

Aufgeschnittener Ball zeigt das Innenleben vom Blindenfussball - die Rasseln und das Leder

Die Story zum Blindenfussball auf St. Pauli

Die Geschichte des Blindenfußball beim FC St. Pauli begann Ende der 80er Jahre in einem kleinen westfälischen Dorf, das so klein ist, das seine namentliche Erwähnung hier nicht sachdienlich wäre.

Also, das war so … Der FC stieg im Jahre 1988 erstmals seit den 70er Jahren wieder in die 1. Fußballbundesliga auf und wurde schon damals u.a. wegen seiner Fans aus der autonomen Hausbesetzerszene in der Hamburger Hafenstraße von den privaten Sendeanstalten, welche damals die Sportschau fast ins Abseits gedrängt hätten, als der etwas andere Fußballverein dargestellt.
Damals, das war die Zeit der großen Fußballarenen mit Laufbahn, die bis zu 76.000 Zuschauer fassten, und wo bei 28.000 Zuschauern von einem erstklassigen Besuch die Rede war. Stimmung war da häufig gleich null.

Aber da war der FC St. Pauli mit einem kleinen Stadion, wie es genauso bis zum Dezember des Jahres 2006 noch erhalten war. Klein, eng und hoffnungslos baufällig. Aber da wurde schon damals 90 Minuten gesungen.
Und so wünschte sich der Autor dieses Berichtes zu seinem dreizehnten Geburtstag ein Ticket für ein Spiel des FC St. Pauli im damaligen Wilhelm-Koch-Stadion. Und er bekam es. Ein Innenraum-Ticket direkt hinter dem Tor. Es war ein Spiel gegen den VFB Stuttgart und die Liebe zum FC war geboren.

Nun gingen einige Jahre ins Land, in denen sich der örtliche Abstand des Autors zum FC immer mehr vergrößerte und in denen der Autor und seine jetzige Frau den englischen Topfußball kennen lernten, und die Möglichkeit bei Manchester United und dann auch bei Leverkusen im Stadion einen eigenen Audiokommentar für Blinde Fans nutzen zu können. Mittlerweile besaß man auch schon die zweite Dauerkarte für den FC, der mittlerweile bis in die Regionalliga Nord abgerutscht war.
Da machten wir uns mit der Bahn am 01.10.2003 auf nach Stuttgart zum Champions League Spiel des dortigen VFB gegen Manchester United. Im Zug trafen wir den Präsidenten von St. Pauli, Corny Littmann und meine Frau fragte ihn, ob er sich einen Audiokommentar für Blinde auch bei St. Pauli vorstellen könnte. Corny sagte ja und wir schrieben ihm einen Brief mit unseren Vorstellungen. Und weil ein anderer Fan zur gleichen Zeit die selbe Idee hatte, gibt es nun seit dem 15.03.2004 bei St. Pauli als erstem Drittligisten einen Audiokommentar im Stadion für blinde Fans.

So als Besucher der Heimspiele stieg dann irgendwann das Verlangen, selber in diesem Club Sport machen zu können. Stefan Mörs, ein engagierter Torballer, den wir zur gleichen Zeit trafen, versuchte nun schon seit einiger Zeit, in Hamburg wieder eine Torballmannschaft zu gründen und er sagte mir, dass er an alle Hamburger Sportvereine, ja, auch an den HSV, ein Schreiben geschickt hätte, in dem er um Aufnahme einer Torballabteilung in den jeweiligen Verein gebeten habe. Der einzige Verein, der ihn überhaupt zur Vorstellung seines Projektes eingeladen hatte war … der FC St. Pauli. Er bat uns also, mit ihm zusammen Torball beim Amateurvorstand (das ist das Gremium, in dem die Abteilungen des Vereins vertreten sind, die nicht zu den Leistungsmannschaften, die unter dem Profikader angesiedelt sind, gehören) vorzustellen. Inzwischen gibt es seit dem 01.01.2005 beim FC St. Pauli eine Torballabteilung.

Nun ja, und dann kam der Mai 2006 und wir reisten zusammen mit einem dritten St. Paulianer nach Berlin zum Workshop. Kaum wieder da, wendeten wir uns an die Herrenfußballabteilung mit der Bitte, unter ihrem Dach eine eigene Blindenfußballmannschaft gründen zu können. Seit dem 21.08.2006 trainieren die Blindenfußballer nun unter dem Dach des Vereins, dessen Fans viele von ihnen schon seit Jahren sind.

Ich denke, wir können ruhig sagen, das St. Pauli wirklich der geilste Verein der Welt ist. Soviel Unterstützung, nicht Mitleid, wie wir sie dort erfahren haben – nachahmenswert!

Wir möchten uns insbesondere bei Klaus Rummelhagen bedanken, der damals als Vorsitzender des Amateurvorstandes die Gründung der Torballabteilung maßgeblich vorangetrieben hat und dann als Vizepräsident mit dafür sorgte, dass der Verein für die Blindenfußballbanden in Vorleistung ging, bis wir diese durch Spenden und Sponsoring refinanziert hatten, und uns dann über den Aufsichtsratsvorsitzenden Michael Burmester gleich auch noch einen großzügigen Spender empfohlen hat. Bedanken möchten wir uns bei Dieter Rittmeier, dem Abteilungsleiter der Herrenfußballabteilung, der uns mit Spendenaufrufen und finanzieller Unterstützung sowie Hilfe beim Organisatorischen den eigentlichen Spielbetrieb erst ermöglicht hat und weiterhin möglich machen wird. Dann gilt ein besonderer Dank dem ersten Kommentator für den Stadionkommentar Wolf Schmidt, durch den wir überhaupt erst Zugang zu Abteilungen wie der AFM gefunden haben. Es gibt noch sehr viele andere Mitglieder des Vereins, die uns geholfen haben und uns immer noch helfen. Vielen Dank an all diese St. Paulianer!
Wenn man bei diesem Verein seinem Sport nachgehen darf, dann hat man selbstverständlich sein Ziel noch nicht erreicht, wenn man eine Mannschaft gegründet hat. Nein, es geht immer weiter. Unser nächstes Ziel ist es, nun endlich einen Kunstrasenplatz zu bekommen. An diesem Ziel wird u.a. mit der Profimannschaft zusammen gearbeitet, die auf unserem kleinen Blindenfußballfeld ihr schnelles Kurzpassspiel verbessern will.

Unser Hauptziel ist und bleibt es aber, Spaß am Fußballspielen zu behalten, und über den Spaß evtl. der erste Deutsche Meister des FC St. Pauli im Fußball zu werden und so viele Spieler wie möglich in die Nationalmannschaft zu bringen, denn Fußballnationalspieler hatte der Verein auch erst zwei.

Die Website des FC St. Pauli lautet: http://www.fcstpauli.com.

Genaueres zum FC St. Pauli und dessen Auf und Ab gibt’s unter FC St. Pauli Historie

Von der Gründung bis heute – der Blindenfußball etabliert sich beim FC St. Pauli

Nachdem sich unsere Blindenfußballmannschaft beim FC St. Pauli gegründet hat, ging es, nicht immer in großen Schritten, aber doch stetig voran.

Es begann Ende August 2006 mit dem ersten, öffentlichen Auftakttraining, bei dem sowohl Presse, Funk und Fernsehen, als auch der ehemalige Vizepräsident Klaus Rummelhagen sowie die Profispieler Hauke Brückner, Marcel Eger und Timo Schulz mit ihrem damaligen Trainer Andreas Bergmann anwesend waren. Die St. Pauli Profibesetzung ließ es sich nicht nehmen, ein kleines Spiel gegen uns Blindenfußballer zu machen.

Im September 2006 nahm ein Spieler unserer Blindenfußballmannschaft mit einer deutschen Nationalauswahl an einem Mehrnationen-Turnier in Griechenland teil.
Diese Teilnahme des Spielers brachte für uns eine Menge von Eindrücken und Ideen, die wir in unserem Training Nutzen bringend für uns weiterverwerten konnten.

Anfang Oktober 2006 erhielten wir die Möglichkeit, uns auf der Messe „Hansesport“ am St. Pauli-Stand zu präsentieren.

Ende November 2006 reisten wir von St. Pauli zum ersten Aufeinandertreffen zweier deutscher Blindenfußballmannschaften. Wir besuchten die Blindenfußballmannschaft des MTV Stuttgart und fuhren gemeinsam zu einem internationalen Jugendturnier in Liechtenstein, in dessen Rahmenprogramm ein Promotionspiel stattfand.

Am letzten Märzwochenende 2007 fand das erste deutsche Blindenfußballturnier in Tübingen statt, an dem außer uns blinden Kiezkickern noch fünf weitere Mannschaften teilnahmen. St. Pauli belegte den fünften Platz.

Das bis dahin größte Highlight für uns St. Paulianer fand dann am 26.05.2007 in Neumünster statt.
Den Veranstaltern Lions Club Neumünster-Holsten, dem Förderkreis Jugendfußball des Kreisfußballverbandes Neumünster sowie der Blindenfußballmannschaft des FC St. Pauli war es gelungen, alle in Deutschland aktiven Blindenfußballmannschaften zu diesem Turnier begrüßen zu können. Die Mannschaften von St. Pauli, Berlin, Essen, Dortmund, Chemnitz, Marburg, Mainz, Würzburg und Stuttgart spielten den Turniersieger im städtischen Stadion in Neumünster aus.
Das Blindenfußballturnier fand im Rahmen eines Jugendfußballturniers mit ca. 100 „sehenden“ Mannschaften statt. Das Jugendturnier wurde vom Lions Club Neumünster-Holsten veranstaltet, um für die Kampagne „Lichtblick für Blinde“ (Sight First) Spenden zu sammeln. Mit den gesammelten Spenden wollten die deutschen Lions drei Großprojekte, mit der Absicht „Hilfe zur Selbsthilfe“ in Afrika, realisieren: Wir vom FC St. Pauli spielten uns auf den sechsten Platz.

Von März bis Mai 2008 nahm das Blindenfußballteam des FC St. Pauli an der ersten Saison der Deutschen Blindenfußball-Bundesliga (DBFL) teil. Die Liga wurde an drei Spieltagen ausgetragen, an denen jedes der bis dahin acht aktiven Teams in Deutschland gegeneinander antrat.
Unser Team belegte den 8. Platz.

Im Mai 2008 nahm unser Team an der zweiten Auflage des „Lichtkick“-Turniers in Neumünster teil.
In diesem Rahmen feierten wir auch unseren ersten Sieg überhaupt: durch einen verwandelten Sechsmeter von Axel Eichstädt gegen Berlin belegten wir in der Endtabelle hinter Marburg und Essen bei fünf teilnehmenden Teams den dritten Platz.

Am 19.07.2008 lud uns das Berliner Blindenfußballteam zu einem Freundschaftsspiel in die Bundeshauptstadt ein. Zusammen mit uns weihten sie ihren neuen Kunstrasenplatz ein.

Im Rahmen der Hilfsmittelmesse „Einblick – Ausblick 2008“ in den Holstenhallen in Neumünster trat unser Team am 11.10.2008 zu zwei Testspielen gegen das Mainzer Blindenfußballteam an. So wurde den Messebesuchern die Gelegenheit gegeben, Blindenfußball einmal hautnah mitzuerleben. Die beiden Testspiele endeten 1:1 und 2:0 für unser Team.

Am 18. und 19.10.2008 veranstaltete der FC St. Pauli von 1910 e.V. ein Blindenfußballmasters unter dem Motto „Keep your mind wide open“. Dazu wurden alle aktuell aktiven deutschen Teams eingeladen. Zusammen mit fünf anderen Teams stritten wir in der Sporthalle in der Budapester Straße mitten auf dem Kiez um einen Wanderpokal, der zukünftig jedes Jahr ausgespielt werden soll.
Die Kicker des MTV Stuttgart besiegten im Finale den amtierenden deutschen Meister SSG Blista Marburg mit 5:1 und trugen sich so als erstes Team in die Siegerliste ein. Unser Team erreichte nach dem verlorenen Spiel um Platz 3 gegen die Guide-Dogs Mainz den 4. Platz. Die weiteren Teilnehmer waren das Team aus Berlin sowie das Team des PSV Köln, das erstmalig ein Spiel bestritt.

Immer wieder erreichten uns Anfragen von Kindern und Jugendlichen, die gerne bei uns mitspielen würden. Um diesen optimale Bedingungen zu bieten, den Blindenfußball im Rahmen eines speziell auf sie ausgerichteten Trainings kennen zu lernen, veranstalteten wir am 12.12.2008 ein Schnuppertraining für Kinder und Jugendliche. Dieses fand regen Anklang.

Am 31. Januar 2009 fuhren wir auf Einladung des PSV Köln in die Domstadt. dort absolvierten wir zwei Testspiele in Vorbereitung auf die im März 2009 beginnende zweite Saison der Deutschen Blindenfußball-Bundesliga. Das erste Spiel gegen die gastgebenden Kölner verloren wir knapp mit 0:1. Gegen den amtierenden Meister aus Marburg erzielten wir ein 0:0.

Am 14. Februar 2009 brachten drei Spieler unseres Teams interessierten schleswig-holsteinischen Jugendlichen im Landesförderzentrum Sehen in Schleswig unseren spannenden Sport im Rahmen einer Demonstrationsveranstaltung nahe. Zukünftig soll es eine engere Kooperation geben, um Blindenfußball auch in Schleswig-Holstein zu etablieren.

Beim Leistungslehrgang der Blindenfußball-Nationalmannschaft vom 20. – 22. Februar 2009 in Duisburg stellte unser Team erstmals mit drei Teilnehmern die meisten Spieler eines Teams. Diese machen sich Hoffnungen, an der Europameisterschaft in Nantes (Frankreich) im Juni und Juli 2009 teilzunehmen.

Die zweite Ligasaison verlief für uns nicht ganz so glücklich. Diesmal haben wir an vier Spieltagen teilgenommen.
Der Auftakt fand in Barsinghausen am Wochenende 21/22. März nahe Hannover statt. Danach spielten wir in Mainz (18./19. April), in Stuttgart (16./17. Mai) und zuletzt in Köln (20. Juni).
Unser Abschneiden war leider von einigen unglücklichen Niederlagen geprägt. Es gab aber zum Glück einige gute Aktionen. Der Höhepunkt war das Remis gegen den bis dahin souveränen Spitzenreiter MTV Stuttgart, das wir den Schwaben vor deren heimischer Kulisse am 3. Spieltag abtrotzten. Dies war der einzige Punktverlust in der gesamten Saison für den späteren deutschen Meister.
Bis zum letzten Spieltag in Köln hatten wir kein einziges Spiel gewonnen. Durch ein Last-Minute-Tor durch Axel Eichstädt gegen Chemnitz erreichten wir noch Platz 8 in der Endtabelle.

Am Pfingstsonnabend, dem 30.05.2009, fand im städtischen Stadion von Neumünster wieder ein Jugendturnier statt und zur gleichen Zeit auch ein Turnier der Blindenfußballer. Die Organisatoren des Blindenfußball-Turniers sind der Lions Club Neumünster-Holsten sowie das Blindenfußballteam des FC St. Pauli. Das Ziel dieses Turniers ist es, das Miteinander der Teams in lockerer Atmosphäre zu fördern und Neueinsteigern Spielpraxis zu ermöglichen, die in der Wettkampfsituation in der Liga nur wenig zum Zuge kommen.
Als Besonderheit war unser Team diesmal mit zwei Mannschaften vertreten. Das erste Team spielte als St. Pauli und das zweite als St. Köln. Somit konnten die Kölner mit unserer Unterstützung an diesem Turnier trotz Spielermangel teilnehmen. Unsere Mannschaft St. Pauli belegte den vierten Platz und St. Köln spielte sich auf den fünften Platz. Gewonnen hat das Team aus Dortmund. Es setzte sich im Finale gegen Gelsenkirchen durch.
Nach den Spielen wurde in gemütlicher Runde im Jugendferiendorf gegrillt.

Die Blindenfußballabteilung vom FC St. Pauli nutzte am 06. Juni die Gelegenheit, sich und diese Sportart auf dem „Fest der Sinne“ zu präsentieren. Der Hamburger Blindenverein (BSVH) feierte seinen 100. Geburtstag mit diesem Fest. An unserem Infostand konnten die Besucher alles über Blindenfußball erfahren. Zusätzlich hatten wir ein Tor aufgestellt, so dass jeder, der wollte, unter den Bedingungen des Blindenfußball aufs Tor schießen konnte.
Am selben Tag waren wir auf dem Fanfest vor der Südkurve vom Millerntor-Stadion auch mit einem Infostand vertreten.

Vom 25.06.2009 – 05.07.2009 nahmen mit Michael Löffler und Heinrich Niehaus zwei Mitglieder unseres Teams an der Blindenfußball-Europameisterschaft in Nantes (Frankreich) teil. Das deutsche Team holte die ersten beiden Siege auf internationaler Ebene gegen Italien (4:0) und die Türkei (2:1), so dass wir uns am Ende über Platz 5 bei 9 Teilnehmern freuen durften. Beide sammelten wertvolle Erfahrungen, die in die Trainingsarbeit einfließen werden. Um den Interessierten direkte Eindrücke aus dem deutschen Lager während der EM zu vermitteln, schrieben beide ein Blog, das auch über diese Website aufrufbar ist.

Am 19. und 20. September 2009 fand die zweite Auflage des Blindenfußballmasters unter dem Motto „Keep Your Mind Wide Open“ in der Halle Budapester Straße mitten auf St. Pauli statt. Die Teams aus Berlin, Köln, Stuttgart, Dortmund, Marburg und St. Pauli spielten um den Wanderpokal, den im Vorjahr der MTV Stuttgart mit in den Süden nehmen konnte.
Diesmal stellte sich das Team des ISC Viktoria Dortmund als das stärkste heraus und besigte im Finale den PSV Köln. Im Sechsmeterschießen setzte sich Stuttgart gegen Marburg im Spiel um Platz 3 durch. Berlin sicherte sich durch einen Sieg gegen unser Team den 5. Platz.